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Freitag, 30. Dezember 2016

Fragmente des Jahres 2016: Die Top 10 der besten Filme 2016 (David)

Wie schön wäre es doch, die eigene Bestenliste zum Jahresende unter ein übergeordnetes Motto zu stellen, einen Zusammenhang abgesehen von der eigenen Zuneigung zu finden. Einige Filme in meiner Auflistung ließen sich sicherlich gruppieren, auffällig vielleicht, dass ich dieses Jahr viele Filme mit interessanten und großartigen Schauspielerinnen in Paraderollen gemocht habe.
Die Abstinenz von Hollywood-Blockbustern hat nicht nur etwas mit persönlicher Präferenz zu tun, sondern auch mit dem von vielen Seiten (mit Recht) beklagten Qualitätsabfall über den einzelne zumindest teilweise gelungene Film wie X-Men Apocalpyse nur bedingt hinwegtäuschen können. Doch nun sind der einleitende Worte genug geschrieben und wir präsentieren mit einigem Stolz die besten Filme des ausklingenden Jahres:

10. ANISHOARA - Ana Felicia Scutelnicu
Im Prinzip teilt sich ANISHOARA den Platz mit den nicht minder tollen YOURSELF AND YOURS und THE WOMAN WHO LEFT, doch mir gefiel einerseits die Vorstellung gleich zwei Debütfilme in dieser Liste auftauchen zu lassen und andererseits gehört ANISHOARA zu den wenigen Filmen, denen es tatsächlich gelingt, ein Gefühl des Heranwachsens zu beschreiben, ohne dabei auf Musikmontagen zu Klassikern der Popmusik, unglückliche Liebegeschichten und hippe Lehrer zurückgreifen mussen. Die Laiendarsteller erledigen ihren Job ansprechend und die Regie ist erstaunlich reif und unaufgeregt. Außerordentlich gelungen.

9. EVERYBODY WANT SOME!! - Richard Linklater
Ich bin kein besonders großer Fan von Richard Linklater, abgesehen von Dazed and Confused und Boyhood finde ich keinen seiner Filme wirklich ansprechend, selbst die allseits beliebten Before-Filme können mir weitesgehend gestohlen bleiben. EVERYBODY WANTS SOME!! stellt eine löbliche Ausnahme dar. Vom Guardian so pointiert wie falsch als "biggest political failure of the year" bezeichnet (was unabhängig davon, ob man es jetzt auf Kino bezieht oder nicht, schlicht Unsinn ist), ist EVERYBODY WANTS SOME!! ein schöner Film darüber, dass es in jedem Menschen etwas Gutes zu entdecken gibt, wenn man nur ein paar Tage mit ihm verbringt. Linklaters Auge für schauspielerische Begabungen hilft dem Film ungemein. In allen Linklater-Filmen geht es mehr oder minder um Zeit, so auch hier – EVERYBODY WANTS SOME!! endet bevor das Leben beginnt.

8. INTO THE INFERNO – Werner Herzog
Schöne Erinnerung daran, dass unter dem Internetmeme Werner Herzog immer noch ein aufregender und unternehmungslustiger Regisseur steckt.

7. WOLF AND SHEEP – Shahrbanoo Sadat
WOLF AND SHEEP ist ein Versuch zu erzählen, wie Astrid Lindgrens Kinder aus Bullerbü gelebt hätten, wäre Schweden eine islamistische Gesellschaft, die Mädchen schon in jungen Jahren durch einen Kopftuchzwang sexualisiert. Sadat gelingt es, die Allgegenwärtigkeit von fundamentaler Religionsauslegung zu thematisieren, ohne in eine oberlehrerhafte Didaktik zu verfallen, wie es bei einem österreichischem Film bestimmt der Fall gewesen wäre. Und der neckende Streit zwischen zwei Mädchen, die sich mit völlig verrutschten Kopftücher gegenseitig den Mund verbieten wollen, gehört zu den schönsten (und doch auch traurigsten) Szenen mindestens dieses Kinojahres.

6. BROOKLYN – John Crowley
Apropos schönste Szenen und Bilder des Kinojahres, Saoirse Ronan, die mit leuchtenden Augen in die Zukunft blickt gehört ganz bestimmt auch in diese Auflistung. John Carneys unaufgeregte Regie vertraut dem eigenen Drehbuch und dem Talent der Schauspieler, was die stets überzeugende Saorise Ronan zur wahrscheinlich besten Performances des Kinojahres trägt, vielleicht abgesehen von Kristen Stewart und Isabelle Huppert, die nun wirklich in ihrer eigenen Liga spielen. Ich habe BROOKLYN als Wiederaufflackern klassischer Hollywood-Tugenden so sehr genossen wie kaum einen anderen Film in diesem Jahr.

5. DER TRAUMHAFTE WEG – Angela Schanelec
Kino als Assoziation von Momenten, idiosynkratischen Panoramen und stilistischer Kohärenz. Eine Odyssee, von Griechenland über Solomon Linda, bis in die Tiefen des staatlichen Krankenversicherungsystems.

4. CERTAIN WOMEN – Kelly Reichardt
Ich habe dieses Jahr weite Teile des Gesamtwerks von Alice Munro gelesen, deswegen kam dieser Film gerade zur rechten Zeit. Drei kurze Augenblicke im Leben von Frauen, herausragend gespielt von Laura Dern, Lily Gladstone und Michelle Williams. Insbesondere Gladstone und Dern bieten ganz erstaunliche Performances, die in vollkommenem Einklangt mit der Stimmung des Films stehen. Laura Derns Figur ist erschöpft vom Kampf gegen die Windmühlen der allgegenwärtigen männlichen Dominanz. Die schönsten Szenen gehören jedoch den vor freudiger Aufregung geröteten Wangen Lily Gladstones. Ich hatte das Gefühl, dass Kelly Reichardt mir als Europäer etwas grundlegendes über die Gesellschaftsstruktur in Amerika erzählt, ohne in einen langweiligen Erklärduktus zu verfallen. Kristen Stewart ist (selbstverständlich) wieder unheimlich toll, wie sie alleine beim Durchschneiden eines Burgers und dem Abwischen ihres Mundes mit einer Serviette ein ganzes Leben lebendig werden lässt. Unschlagbar.

3. THE HATEFUL EIGHT – Quentin Tarantino
Ganz unbescheiden zitiere ich hier mal meine Eindrücke direkt nach der wunderbaren 70mm-Vorführung: Es knallt nicht nur auf Amerikas Straßen, auch in einer verschneiten Hütte in Wyoming herrschen Rassismus, Frauenfeindlichkeit, gegenseitiges Misstrauen, Brutalität und nie aufgearbeitete Konflikte - Tarantino ist zum ersten Mal in seiner Karriere ein dezidiert politischer Film gelungen, was ihm sehr gut zu Gesicht steht. Neigten viele seiner früheren Filme zu einer gewissen Leere hinsichtlich ihrer (Selbst-)Referentialität, ist "The Hateful Eight" wütend, expliziert und vor allen Dingen ein Abgesang. Ein Abgesang auf die Geschichtsschreibung, auf die Idee eines einigen Amerikas und vielleicht auch ein Abgesang auf seine alten Filme. Am Ende wird die Geschichte zerknüllt und mit galgenhumorigem Grinsen beiseite geworfen - ist jetzt auch schon egal. Wohin es von hier aus geht? Gute Frage.

2. THINGS TO COME – Mia Hansen-Løve
Der beste Film des regulären deutschen Kinostartjahres, mit einer umwerfenden Isabelle Huppert in der Hauptrolle, einer wie üblich mühelos wirkenden Regie von Mia Hansen-Løve und dem vielleicht besten Schnitt in diesem Filmjahr. Allzeit beweglich werden hier große Themen verhandelt, ohne auch nur einen Moment angestrengt zu wirken. Besonder s herausstechend in diesem, an grandiosen Szenen nun wirklich nicht armen Film: Isabelle Huppert, die während einer Busfahrt ihren Ex-Ehemann mit seiner neuen Flamme auf der Straße laufen sieht und unwillkürlich vor Überraschung zu lachen beginnt. Irgendwie auch ein Komplementärfilm zu Amy Heckerlings VAMPS, insbesondere in der Hinsicht, wie sich beide Regisseurinnen mit dem Älterwerden und den Veränderungen der Zeit beschäftigen – und dabei trotzdem mit Lust auf die Zukunft blicken. „Das Erlebte ist der Ausgangspunkt, um in der Freiheit der Fiktion anzukommen“ soll Mia Hansen-Løve einmal gesagt haben. Wunderschön.


1. PERSONAL SHOPPER – Olivier Assayas
Ich weiß nicht, ob ich noch irgendwas über PERSONAL SHOPPER sagen kann, was ich nicht bereits hier niedergeschrieben habe. Vielleicht nur so viel: Ich kann es kaum abwarten, ihn im Januar noch einmal wiederzusehen, denke ich doch immer noch fast jeden Tag über den Film und seine unzähligen Ebenen nach. Assayas macht wirklich Kino für das 21. Jahrhundert und das kann man wirklich nicht von vielen Regisseurinnen aktuell behaupten. Auch deshalb ist PERSONAL SHOPPER völlig zurecht mein liebster Film des Jahres.

Kommentare:

  1. Da ist einiges bei, was hier noch gar nicht offiziell startete. Sehr undemokratisch.

    Für Everybody Wants Some habe ich drei Anläufe gebraucht, das erste Mal entnervt abgebrochen, das zweite Mal eingeschlafen, das dritte Mal eisern durchgesessen. Richtig schlecht ist er nicht, aber sehr unreflektiert. Ich teile da E. Knörers Haltung (Schulterschluss mit lauter ätzenden Figuren).

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  2. Ist doch folgerichtig, dass eine Liste über das Jahr 2016 undemokratisch ist. Man muss mit der Zeit gehen.

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